Rhöner Mundart: Kind und Kirche – Teil 4b: Die Fessde – Ostern bis Advent

Kind und Kirche ist nicht gleich Kinderkirche

Was nicht in den Akten (=aufgeschrieben) ist, ist nicht in der Welt.

Teil 4b: Die Fessde – Ostern bis Advent

Für uns Kinder war zuerst am wichtigsten, die Osternestchen zu suchen und zu finden, die bunten Eier und ein Häschen aus Schokolade. Das haben wir noch vor der Messe gemacht.
Aber dann ging es hinein:

Ganz früh war schon um 5 Uhr eine Feier „Das Grab ist leer, der Held erwacht.“ Wir Kinder mussten da nicht hinein, nur wer wollte. Dort wurde das Wasser und auch die Asche für Aschermittwoch geweiht. Die Hauptmesse war voll, das glaubt man nicht. „Du, der den Satan und Tod überwand- Heil uns, Heil halleluja!“ Das schmetterten die Leute aus voller Kehle. „Heil“ rufen die Leute anscheinend immer gerne.

Der Pfarrer war ganz frisch in seinen Festtagsgewändern. Die ganze Kirche machte mit den frisch gebügelten, schön gestärkten Tüchern auf den Altären einen sauberen Eindruck. Es wurde auch extra geputzt vorher wie das mit dem Osterputz nach dem Winter zu Hause auch war.

Alle hatten ihren Feststaat an. Die erste Zeit waren die Frauen meistens in Tracht mit schön geblümten Seidentüchern auf dem Kopf und glänzenden Atlasschürzen (Stoffarten) mit Ripsbändern. Das roch immer etwas nach Naphthalin, weil sie die eben nur bei hohen Feiertagen herausnahmen.

Die moderneren Frauen waren frisch ondoliert oder hatten einen Hut auf und Handschuhe un Perlonstrümpfe an. Wir Mädchen hatten für das Frühjahr von Else (der Schneiderin) neue Kleider geschneidert bekommen. Das Anprobieren mit den Nädelchen war immer spannend und schön und etwas, das man nicht vergisst. Auch die Buben hatten saubere Anzüge an.

Das alles konnte man in der Kirche präsentieren und bewundern.

„Jesus lebt, Jesus lebt, Halleluja Jesus lebt“

Vor lauter Singen und Schauen dachte man gar nicht weiter nach.

Die Ostermesse war speziell. Es musste ja alles, was vorher dort war und weggeräumt wurde, wieder aktiviert werden. Es gab frisches Weihwasser, Osterwasser, das besonders sein sollte und das man sich in seiner Milchkanne mitnahm.

Der Schlusssegen mit Osterwasser hielt bestimmt etwas länger an, besonders wenn man mit dem (Weihwasser-)Pinsel eine richtige Ladung von diesem Halleluja-Ostersegen-komm-herab wie-Morgentau (Lied) ins Gesicht bekam.

Einen Spezialsegen gab es viel später an Ostern und Weihnachten genau am Mittag. Die alten Leute knieten sich vor dem Radioapparat nieder, als der Urbi-et-orbi (Segen vom Papst aus Rom) kam und machten sehr andächtig ihr Kreuzzeichen.

Das gab einen vollkommenen Ablass, hieß es. Vielleicht stand dies im Sonntagsblatt oder im Antoniusglöckchen (Zeitschriften).

Nun denn, wenn man damit auf einmal seine ewigen Sündenstrafen erledigen konnte, warum nicht.

„Muss man für die Leute dann auch beten, wenn sie gestorben waren?“

Sag doch nicht solche Sachen. Das ist doch alles ganz anders gemeint.

– Wie denn? – Ach, lass mir meine Ruhe!

Gleich nach der Mittagsandacht gingen wir hinaus auf die Wiesen, wo wir die hartgekochten Eier werfen konnten. Nach dem ganzen ernsten Feiern und Knien in der Kirche war das ein guter Ausgleich.

Nach Ostern kam der Weiße Sonntag.

Wenn man betroffen war, war das ein Aufstand im ganzen Haus. Die halbe Verwandtschaft kam zusammen. Es wurde gekocht und aufgetischt wie im ganzen Jahr nicht.

Herzlichen Glückwunsch zu eurem Kommunionkind!
Ein schöner Bleyle-Anzug! (Stoffart)
Ein schönes Kränzchen- ein schönes Kleidchen aus Taft! (Stoffart)
Ein schöner Anhänger mit dem HerzJesu (Abbildung) von meiner Patin!
Das ist sogar geweiht- es ist von Altötting.

O, dem ist in der Kirche die Kerze auf die Handschuhe getropft. Die ganze Hose ist verschmutzt.

Mittags und abends ging es nach all dem Essen wieder in die Kirche. Am nächsten Tag hatten die Kommunionkinder schulfrei, damit sie gut zur Messe gehen konnten. Danach durfte man seine Geschenke nacheinander auspacken.

Die anderen Feiertage waren nicht so wichtig, außer den Bitt-Tagen, an denen früh, auch während der Schulzeit, durch die heimische Flur gewallt wurde bis hinauf zur Sieben-Schmerz-Kapelle, hinter zu der Fünf-Wunden-Kapelle und sogar nach Frauenroth, wobei man für gutes Gedeihen der Feldfrüchte betete.

„Vor Blitz und Ungewitter, erlöse uns o Herr“

– dabei hatte er aber öfter nicht recht aufgepasst, der Herr! Denn jeden Sommer gab es Blitz und Ungewitter, manchmal sogar so heftig, dass alle nachts aufstehen und einen Rosenkranz beten mussten zwischen zwei geweihten Kerzen, damit der größte Schaden abgewehrt wurde.

Stand so eine Schlechtwetterlage an, konnte es sein, dass der Pfarrer am Sonntag „aufgetan“ hatte (erlaubt hatte zu arbeiten), wobei dann die Bauern schnell noch vor dem Unwetter ihr Gras, Heu oder Grummet, (2. Grasschnitt) aber auch den Hafer und Weizen holen konnten.

Nach der Höllenfahrt in die Unterwelt, wo Tod und Teufel besiegt wurden, kam die Himmelfahrt. Heute heißt es Vatertag.

Es folgte Pfingsten, an dem wegen des Heiligen Geistes und der Feuerzungen alles rot war in der Kirche- und eine Woche später der Goldene Sonntag. Wegen der „Dreifaltigkeit“ durfte aber auch gar nichts gemacht werden.

Wer an dem Tag geboren wurde, war ein GoldenSonntagskind und damit ein Leben lang ein Glückskind, hieß es. Es wurde Salz in der Kirche geweiht. Wir hatten jedenfalls ein besonderes Glasgefäß dafür. Das geweihte Salz sollte die bösen Geister und den Satan abwehren. Heute braucht man das, meine ich, nicht mehr, weil sich ja nur noch der derzeitige Papst vor dem Teufel fürchtet.

An Fronleichnam durfte man noch einmal sein Kommunionkleidchen anziehen mit dem Kränzchen. Die großen Mädchen und junge ledige Frauen sahen aus wie Muttergottesgestalten mit ihren himmelblauen langen Kleidern.

Wir jüngeren hatten schon am Tag zuvor hinten an der Aschach beim Krugbrunnen Blumenköpfe abgerupft für unser Körbchen. Die streuten wir dann auf die Straße, damit der Pfarrer unter seinem „Himmel“ (Baldachin) mit der funkelnden Monstranz, in der die geweihte Hostie war, darüberlaufen konnte.

Die Leute, die nicht mitlaufen konnten, fielen vor großer Ehrfurcht auf beide Kniee nieder. Es gab vier Altäre, bei denen geschellt wurde und das „Allerheilgste“ nach allen Seiten herumgezeigt wurde. Beim Schmücken der Altäre hatten die jungen und älterenFrauen ihren ganzen Stolz hineingelegt.

Am ärgsten war aber, dass bei dieser Zeremonie auch immer bei jedem Altar dreimal geböllert wurde vom Zahlbacher Schlag oder vom Mühlberg aus. Da zuckte man zusammen und die Hunde im ganzen Dorf bellten wie verrückt.

Niemand konnte einem sagen, warum dabei geschossen wurde. Vielleicht damit der „liebe Gott“ auch wirklich seine Ohren aufreißt für all das Bitten und Beten.

Es war immer ein langer Weg und die Sonne brannte, so dass man halb verdurstete. Aber die Menschen hatten ihre Häuser sehr schön geschmückt mit frischen jungen Birken. Die Fahne wurde herausgehängt und in die Fenster kamen gestickte Tücher und Heiligenfiguren, Kreuze und Bilder mit „Herz Jesu“ und „Herz Maria“ oder mit einem Schutzengel darauf.

Was die Leute an heiligen Sachen hatten, präsentierten sie zur Ehre des „Allerheiligsten“. Am Abend war noch einmal eine Prozession durch das „illuminierte Dorf“, so hieß das.

Jeden Monat war „HerzJesu-Freitag“, an dem sich hauptsächlich alte Menschen Kraft für den Monat holten, wie sie meinten, vielleicht auch, weil dabei ausgesetzt war (= der sakramentale Segen erteilt wurde)

In Burkardroth gab es noch ein extra Fest, es war ein „gelobtes Fest“ (vielleicht aus dem 30-jährigen Krieg), das Armenseelenfest. Dabei kamen die Menschen aus allen Dörfern bis hinauf zu den (Rhöner) Walddörfern, wollten beichten und für die „armen Seelen im Fegfeuer“ einen Ablass gewinnen.

Es gab bisweilen 14 „Beichtväter“, sogar hinter dem Hochaltar und auf der Empore konnte man beichten. Wer wollte schon gern seinem Ortspfarrer sagen, was für ein Schlawiner er eigentlich ist. An allen Altären wurde Messe gefeiert. Das war wichtig, weil ja der Kommunionempfang Voraussetzung für die Ablässe war.

Beim unvollkommenen Ablass, den man soviel ich weiß „gewinnen“ (erbeten) konnte, musste man immer wieder hinaus aus der Kirche/dem Kirchengebäude, dann wieder hinein und beten: Vater unser und Gegrüßet seist du Maria (Gebete). Das konnte man öfter machen.

Warum? – Darum!

Dennoch war es etwas Schönes, weil man so immer einmal an die frische Luft kam. Die Leute freuten sich, dass sie sich wieder einmal gesehen haben, gingen danach zum Arnulf (Gastwirtschaft und Metzgerei) oder zu Leos Rosine (Gastwirtschaft) und kauften auch gut ein, was sie eben so in ihren Dörfern nicht bekamen.

Es gab auch ein „Skapulierfest“ und „Peter und Paul hat Wasser im Maul“ (Bauernregel)- die beiden (Heiligenfiguren) wachen im Kirchengebäude in goldenen Gewändern über das ganze Geschehen.

Waren einmal viele Pfarrer im Dorf, gab es an sehr hohen Feiertagen ein „levitiertes Hochamt“. Das war eine Zeremonie! Bis dabei jeder das (Evangelien-) Buch in den Händen gehalten hatte und sehr würdig herumgelaufen war!

Das dauerte – und die Sonne schien so schön durch die großen farbigen Fenster beim Hochaltar!

Auch dabei gab es viel Gold und Weihrauch, dass man leicht in andere Sphären schweben konnte, ehe es einem wieder schwarz wurde vor den Augen und man den Heimweg antrat.

Was man da sah, konnte einen erstaunen. Hinten vor der Kirche standen jede Menge Männer draußen, unterhielten sich und rauchten sogar Zigaretten. Ob die das auch gebeichtet haben? „Ich habe die heilige Messe soundsooft nicht mit Andacht gehört.“

Im Sommer war „Würzweihe“ an „Maria Himmelfahrt“ (Fest) Die Sträuße wurden in der Kirche gesegnet und sollten zu Hause und im Stall gegen alle möglichen Krankheiten helfen. Das glaubten die Menschen eben damals so.

An diesem Tag wallten auch die Burkardröther nach Maria Ehrenberg (Ort im Truppenübungsplatz Wildflecken). Dabei wurde viel zu Maria gebetet. Sie sollte vermitteln zwischen dem „liebenGott“ und seinem christlichen Fußvolk:

„Mutter der Barmherzigkeit, bitt für die ganze Christenheit!“

lautete die immer wiederkehrende Bitte. Ob sich Maria dabei an ihren Sohn oder dessen Vater wenden sollte, weiß ich auch nicht.

Die „Ewige Anbetung“ (Fest) war auch so ein Großereignis im September. Immerzu wurde gebetet vom Morgen bis in die Nacht. Jede Stunde wechselte der Vorbeter. Da musste man schon mehrmals für eine Stunde hinein. Auch bei diesem Fest kamen die Menschen extra von woanders her, und so war auf dem Marktplatz viel Leben.

Mit dem November begann wieder die trübe Zeit. „Allerheiligen- Allerseelen“ (Feste) Messe, Friedhofsgang. Der Pfarrer spritzte mit seinem Pinsel Weihwasser auf die Gräber.

Meistens war es sehr kalt, bis die „entschlafenen Brüder“ wieder sanft weiter ruhen konnten. (Lied)

Es war eine stille Zeit, die gleich nach Kirmes und „Kathrein – stellt Geig‘ und Harfe ein“ (Fest einer Heiligen) in den Advent überging.

Fortsetzung folgt!

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