Rhöner Mundart: Kind und Kirche – Teil 5: Un benn grood koi Kirch woar…

Kind und Kirche ist nicht gleich Kinderkirche

Was nicht in den Akten (=aufgeschrieben) ist, ist nicht in der Welt.

Teil 5: Und wenn gerade kein Kirchgang war

Mit diesem In-die-Kirche-Gehen war das natürlich nicht fertig.

In der Schule hatten wir gefühlt jeden Tag Religionsunterricht. Am Samstag las uns Frau Oberin zur Erbauung Geschichten aus dem Lebens Jesu vor, wie sie nicht in der Bibel standen. (apogryphe Kindheitsgeschichten)

Zu Hause wurde auch viel gebetet, auch besondere Gebete an einzelnen Tagen, wie vor und nach dem Essen

„Wer ohne Gebet zu Tische geht und ohne Gebet vom Tisch aufsteht, der ist dem Ochs und Esel gleich und hat kein Teil am Himmelreich.“

So etwas überlegt man sich dann schon! Am Freitag wurde auch der Juden gedacht, die den Herrn Jesus gekreuzigt hatten. Auch wenn die kleine Glocke (Totenglocke) Abschied läutete, wurde gleich für den Verstorbenen gebetet.

Beim „Ewigen Rosenkranz“ (Gebet) ging es darum, dass das Beten weltweit nicht aufhörte. Bei dieser „Bruderschaft“ musste man jede Woche einen Rosenkranz beten. Oma war immer ein wenig betrübt, wenn sie ihn wie stets- wieder alleine beten musste.

Alte Leute sagten auch: „Putze den Tisch schön sauber, damit sich das „Herrgöttchen“ heute Nacht darauf legen kann.“ Das war vielleicht eine Spezialbegründung für sauberes Arbeiten.

„Maria Maienkönigin“- freilich hatten wir zu Hause ein Maialtärchen mit frischen Blumen, Kerzen und einer farbigen Madonna aus Gips. „Reinste Jungfrau, o betrachte“ (Lied)

Abends musste ich immer lange über dieses kleine Gebet nachdenken:

„…in deine Wunden schließ mich ein, dann schlaf ich sicher keusch und rein. Amen“

Was sollte das vielleicht bedeuten? Na ja, der liebe Gott sieht alles…

„Lege deine Hände auf die Bettdecke!“

Warum? – Darum! Weiter ab!

„Stoßgebete“ (kleine Gebete zwischendurch) gab es auch: Heilige Mutter Anna/ O Maria, steh uns bei! O Maria hilf, aber schnell! Dein bin ich tot und lebendig! Mein Jesus Barmherzigkeit!

Anscheinend kamen sich die Menschen immer schlecht und schuldig vor:
„Sünder sind wir allzumal.“ (Bilbelstelle)

„Jesus, nein, Jesus, Maria, Josef! Jesus, Maria, Sepp (Kurzform von Josef) und der alte Löff! (Dorfname) Jesus, Maria, Seppelchen!“ (Scherz)Herr, hilf zerren, es gibt ein Durcheinander!“ Zefix (von Kruzifix) alleluja.”

Geflucht wurde weniger, das wäre aber auch eine Todsünde (ganz schlimmes Vergehen) gewesen.

„In Gottes Namen ist nicht geflucht.“

Wenn man jemanden sieht, sagt man höflich: „GrüßGott“, wenn einer niest: „HelfGott“- „DankGott“ (brauche niemanden/ Scherz) Und wenn man etwas geschenkt bekommt: „Vergelt’sGott“- „Segne es Gott“ (im Wochenbett/ Scherz)

Viel wurde von Heiligen gesprochen, die man sich als Vorbild nehmen sollte: Die Märtyrer (sie waren für ihren Glauben gestorben) und solche wie Maria Goretti- die für ihre Unschuld starb, hieß es- die Kinder von Lourdes und Fatima, Therese von Konnersreuth, der heilige Christophorus, natürlich besonders Namenspatrone (Heilige, nach denen man benannt war).

Heilig war viel: Heiliger Strohsack! Heiliges Blech! Heiliges Kanonenrohr! Heiliger Bimbam!

Anmerkung
Gott war überall präsent: Gott o Gott – o mein Gott – HerrGott nochmal – Gott Agathe, die Puppe kotzt – um Gottes Willen- GottseiDank – GottderGerechte – Gott sei‘s getrommelt und gepfiffen – Um Gottes Willen – Himmel Herrgott nochmal – Strafe Gottes – Gott sei dir gnädig – Ach Gottchen, sprachs Lottchen, sieben Kinder und kein Mann – Gott mit dir, du Land der Bayern… und das Gegenstück: der Gottseibeiuns (=Satan, Teufel)

Die Glocken läuteten oft am Tag, wobei man eigentlich immer etwas beten sollte, was aber meistens nicht gemacht wurde. Wenn es elf Uhr läutete, wussten die Frauen, dass sie vom Feld nach Hause müssen, um etwas zu kochen. Abends, wenn das sog. „Gebet“ läutete (um 18 Uhr), hattest du als Kind heimzugehen.

Mit den Würzburger Wallleuten kam am Abend Pater Placidus und bekam auch immer seinen Schweizer Käse. Es wurde über Gott und die Welt gesprochen.
Er wurde sehr hofiert und wir Kinder spitzten die Ohren.

Die Geistlichen waren wie „Herrgötter“ im Dorf. Pfarrer Hain mit seinem schwarzen Barett auf dem Kopf, mit der langen Soutane (Gewand) und seinem Brevier (Gebetbuch des kath. Klerikers) in den Händen kam uns schon sehr (ge-)wichtig vor. Er konnte bestimmt nicht zu seinen Füßen hinunterschauen…

„Mache einen schönen Knicks beim Herrn Pfarrer und du einen schönen Diener! Sagt schön „Gelobt-sei-Jesus-Christus!“

Wie stand in diesem Lied? „Wohlan und hilf uns streiten!“
Und hatten wir Kinder uns dann einmal gestritten, hieß es: Da ist aber „der HerrGott traurig und zankt euch. Wenn ihr so böse seid, kommt ihr mitten in die Hölle. Dort wird „Heulen und Zähneknirschen“ (Bibelspruch) sein, dort gibt es eiserne Klöße.“ Gnade Gott- das war ja eine schöne Aussicht! Aber geglaubt haben wir das nicht so richtig.

Wer so in seiner Kindheit eingelullt wurde von der ganzen Frömmigkeit, hatte wahrlich sein Pensum schon erfüllt.

Nicht alle blieben für immer eingewickelt.

ENDE

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Zugabe

Spezial-Wortschatz eines kath. Kindes Mitte des 20. Jahrhunderts:

Volksmission – Heilige Pforte – eingeborener Sohn – Heiliges Jahr – Osteroktav – Agape – Diözese – Hostie – Geistlicher Rat – Portiunkula – Erbsünde – lässliche Sünde – Todsünde – Novene – Enzyklika – Tonsur – Credo – Selig – und Heiligsprechung – Dogma – Unbefleckte Empfängnis – Lamm Gottes – Marianische Kongregation – Reliquiem – Wunder – Eucharistie – Exerzitien – Heiligenschein – Schöpfer – stigmatisiert – Erlöser – Mutter Gottes – Beschneidung des Herrn – Effata – Halleluja – INRI – Pharisäer – Kollekte – Sadduzäer – Krankensalbung – Kongregation – Tabernakel – Requiem – Fegfeuer – Votivgabe – Luzifer – Beelezebub – Hölle – Absolution – Zölibat – GottseiDank – Primizbraut – IHS – Himmelsheer – Konzelebration – Engelamt – Reliquien – Ziborium – Patene – Präfation – Chrisam – Seraphim und Cherubim – Braut Christi – Hosianna – Salve Regina – Luzifer – Absolution – ewiges Licht – Herr Gott Zebaoth – etc. etc.

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